Mein schamanischer Weg zur Alchemie
Ich war Teil einer schamanischen Reisegruppe, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, jeden Monat eine Pflanze zu bereisen. Die erste Reise war dabei immer eine Blindreise, das heißt: Man bekam nur einen Code. Die Reise war dadurch völlig unbeeinflusst von Vorwissen über Aussehen, Wirkung oder Qualität der Pflanze.
Danach wurde aufgelöst um welche Pflanze es ging, und die Reiseergebnisse wurden verglichen. Das war unglaublich interessant und zeigte eine Fülle an Informationen und Anwendungsmöglichkeiten. Natürlich gab es bei Heilpflanzen auch einen Austausch über die medizinischen Anwendungen. Wer wollte, konnte danach weitere Reisen machen, um den Pflanzengeist näher kennenzulernen oder manchmal sogar als schamanischen Verbündeten zu gewinnen.
Bei vielen dieser Reisen zeigte sich mir bereits die Verbindung zwischen Phytotherapie – also den medizinischen Qualitäten und Anwendungen – und schamanischen Wirkungsweisen wie Extraktion, Reinigung und Heilung auf anderen Ebenen.
Was mir jedoch fehlte, war eine Möglichkeit, diese schamanische Kraft – nicht greifbar, nicht manifestiert – in Substanz zu bringen. Ich hatte zwar schon mit Tees oder Pflanzenauszügen gearbeitet, doch die waren mir zu grob. Sie wirkten vor allem über die körperliche, medizinische Ebene.
Also forschte ich weiter und fand mit Hilfe der Geister und einiger wissender Freunde aus dem schamanischen Umfeld meinen Weg zur Alchemie und Spagyrik. Über Destillation, Pflanzenauszüge, Vergärung, Verschüttelung, Verbrennung (Calcination) und viel Zeit – damit sich der Geist entfalten kann – werden die Teile einer Pflanze getrennt und anschließend zu einer spagyrischen Essenz neu verbunden. Solve et Coagula.
Das war endlich das, was ich gesucht hatte. Ein Weg, wie sich etwas von einer spirituellen, nicht stofflichen Ebene auf die materielle Ebene heruntertransformieren lässt, wo es wieder in einem Körper verstanden und verwendet werden kann. Und dieser Körper kann mithilfe der spagyrischen Essenz wieder die Rückverbindung zu seinen ursprünglichen, spirituellen Anteilen aufnehmen. Sich ein wenig besser in die Harmonie des Universums einklinken – etwas, das ganz grundlegend mit „Gesundheit“ in Verbindung steht.
Das ist es, was mit dem berühmten „As Above – So Below“ von Hermes Trismegistos beschrieben wird. Oder mit dem kabbalistischen Baum: dem Weg von Ain Soph Aur zu Malkuth.
Und gerade dort, als es anfing, schön einfach zu werden und alles einen Sinn und Zusammenhang bekommen hatte, wurde es richtig kompliziert. Und schön. Also komplex, anspruchsvoll und lebensfüllend. Aber weiterhin wunderschön. Das ist der Punkt, an dem die berühmte Frage gestellt werden kann: Möchtest du nur die spagyrische Essenz – oder das andere auch?
Das andere auch!
Und hier begann mein Weg als Alchemistin.
Zuerst musste ich einige praktische Hürden nehmen. Mich einlesen und einarbeiten. Teile aus dem Chemielabor bestellen, von denen ich keine Ahnung hatte – und ein paar Teile später wieder aussortieren, weil sie nicht funktionierten oder anders als gedacht. Herausfinden, wie eine Destillation eigentlich funktioniert. Natürlich auch mit Fehlversuchen: Ansätze, die übergekocht sind, und die Frage, wie man in einer Wohnung Asche herstellt, ohne die ganze Bude abzufackeln.
Dazu kam das kreuz und quer Einlesen in Büchern von Alchemisten aus allen Jahrhunderten. Erstaunlicherweise gibt es gerade im deutschsprachigen Raum bis heute eine aktive und ungebrochene Traditionslinie, die mit Paracelsus gleich mal bis ins 15. Jahrhundert zurückgeht – und der selbst wiederum auf ältere Quellen zurückgegriffen hat. Für mich als Schamanin, die sich ihr Wissen aus Scherben, Runensteinen, Geschichten, Legenden und der Anwendung core-schamanischer Techniken zusammenklauben musste, war das eine völlig neue Erfahrung!
Innere und äußere Alchemie
Dabei lernte ich den Unterschied zwischen innerer und äußerer Alchemie kennen. Die innere Alchemie ist die Anwendung der Lehren auf die eigene Entwicklung. Sie nutzt diese Erkenntnisse, um die Transformation des menschlichen Geistes in seine reinste Form im Leben zu verwirklichen. Das “Labor” ist dabei die menschliche Existenz.
Klingt komisch? Ist eigentlich heutzutage die bekannteste Anwendung alchemistischer Prinzipien. Sie ist in jeder Schule westlicher Magie als Grundwissen enthalten. Insbesondere bei den Rosenkreuzern und den hermetischen Orden ist sie ein zentraler Bestandteil der Lehren.
Die äußere Alchemie, um die es mir mittlerweile geht, hat noch ein echtes Labor als zentralen Bestandteil. Die einzelnen Schritte werden über die Laborarbeit sichtbar und verstehbar gemacht: „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Ein Leitsatz des Alchimisten lautet „Ora et Labora“ (Bete und arbeite). Für mich bedeutet das: schamanisieren, lesen und lernen – und die dazugehörige Laborarbeit, immer wieder im Wechsel.
Wenn ich etwas in alchemistischen Texten lese, verstehe ich es oft nicht auf Anhieb. Sie sind komplex, voller Symbole, Zusammenhänge und Rätsel. Dann mache ich eine Laborarbeit. Ich sehe, was passiert, und beginne langsam zu verstehen, worum es in diesen Texten und Begriffen geht. Oft lasse ich die Dinge auch auf anderen Ebenen auf mich wirken: nicht über Text, sondern über alchemistische Kupferstiche, über den Klang der alten Sprache oder über die tranceauslösenden Geräusche und Blicke in die Tiefe einer stundenlang laufenden Destillation.
Ich verwende diese Zitate übrigens nicht ohne Grund. Auch sie enthalten Prinzipien und Geheimnisse, die man sich erarbeiten und erschließen kann. Der Weg beginnt mit einem Satz wie „As Above – So Below“ und seiner oberflächlichen Bedeutung. Mit Arbeit, Anwendung und Meditation – in meinem Fall auch mit schamanischen Reisen – gewinnt dieser Satz immer mehr Vielschichtigkeit.
Mit der Zeit entsteht darüber ein Verständnis von Schöpfung, Leben und den in allem enthaltenen Zusammenhängen. Manche nennen das Gott. Nicht als bärtigen alten Mann, sondern als allumfassendes göttliches Prinzip der Schöpfung und der Entstehung von Leben – im Allgemeinen wie im Besonderen.
Dafür braucht es aber keine Religion. Auch Atheisten und Wissenschaftler beschreiben Ähnliches: nach dem Blick auf die kleinsten Teile durch ein Elektronenmikroskop oder hinaus in die Galaxien zu den Ursprüngen des Universums. Selbst in der Mathematik wartet dieses unfassbar große Mysterium auf einen.
Hier zum Abschluss der Schlusssatz eines berühmten wissenschaftlichen Werkes, entstanden aus der Beobachtung der Wirkungsweisen des Lebens – und das, obwohl er die göttliche Schöpfung damals entzauberte:
There is grandeur in this view of life,
with its several powers,
having been originally breathed into a few forms or into one;
and that, whilst this planet has gone cycling on according to the fixed law of gravity,
from so simple a beginning endless forms
most beautiful and most wonderful have been,
and are being, evolved.
Charles Darwin – On the Origin of Species